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Traumapädagogik

Trauma

Einschneidende Ereignisse wie Schicksalsschläge, Belastungen und Überforderung sind Teil des Lebens, wir alle erleben sie. Viele Menschen sind trotz dieser Erfahrungen in ihrer Lebensqualität nicht oder wenig beeinträchtigt oder gewinnen daraus sogar mehr Lebensqualität. Andere Menschen hingegen sind durch diese Erfahrungen in ihrer Lebensqualität stark beeinträchtigt oder leiden unter einer Traumafolgestörung. Einige dieser einschneidenden Ereignisse, wie z.B. Gewalterfahrungen, werden von der Gesellschaft als tiefgreifendes psychisches Trauma erkannt und auch als solches anerkannt. Es gibt aber auch viele Formen von Traumatisierungen, die nicht offensichtlich sind und trotzdem genauso tiefe Spuren hinterlassen und entsprechende Auswirkungen haben. 

 

Ob ein einschneidendes Ereignis zu einer Traumafolgestörung führt oder nicht, hat zum Teil mit der Art des Ereignisses zu tun. Es hat aber auch damit zu tun, was nach dem Ereignis geschah – insbesondere damit, ob eine Drittperson das einschneidende Ereignis wahrnahm, ernstnahm und sich fürsorglich um den betroffenen Menschen kümmern konnte. Wenn man die Geschichten der betroffenen Menschen kennt, die bereits im Kindesalter traumatisiert wurden, weiss man, dass gerade sie dieses Glück oftmals nicht hatten. Manchmal war sogar das Gegenteil der Fall. Diejenige Person, welche sich fürsorglich um das Kind hätte kümmern sollen, vermochte es nicht, das Kind zu schützen oder war sogar Verursacher bzw. Verursacherin des Traumas. 

 

Trauma* und dessen Auswirkungen zu verstehen ermöglicht es Fachpersonen und Laien, von Trauma betroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene nachhaltiger zu unterstützen. Dieses Verstehen bildet die Grundlage, um im Leben der betroffenen Menschen einen wesentlichen Unterschied zu machen – sei dies im Arbeitsleben (z.B. in der sozialpädagogischen Arbeit), im Familienleben oder im Freundeskreis.

 

Betroffenen Menschen ermöglicht das Verstehen der Zusammenhänge rund um Traumaerfahrungen, sich selber besser zu verstehen und im eigenen Tempo Veränderungen anzugehen.

Das Verstehen von Trauma und dessen Folgen zeigt auf,

  • was neurobiologisch und psychologisch bei einer Traumatisierung geschieht;

  • warum gewisse Menschen durch einschneidende Erlebnisse scheinbar mehr und andere weniger betroffen sind; 

  • warum solche Erlebnisse zu Beeinträchtigungen und Störungen führen können, aber nicht in jedem Fall auch tatsächlich dazu führen;

  • wieso aus früheren Traumatisierungen auch Jahrzehnte später noch Beeinträchtigungen bestehen können; 

  • wie diese Beeinträchtigungen (Folgestörungen) neurobiologisch und psychologisch funktionieren;

  • dass es viele Möglichkeiten gibt, förderliche Veränderungen und Entwicklungen zu bewirken. 

Traumapädagogik

 

Die traumapädagogische Perspektive

 

«Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.» Diese Lebensweisheit findet sich auch in der Traumapädagogik und so stellt sich die Frage, was wir tun können, um trotz erschwerten Umständen eine gesunde und vielfältige Entwicklung zu fördern. 

Die Traumapädagogik** baut auf der Psychotraumatologie auf, also auf dem Verstehen der Auswirkungen eines Traumas, und liefert so wertvolle Anhaltspunkte über die Gründe für Störungen. Mit dem Verstehen der Zusammenhänge zwischen früheren und aktuellen Belastungen, der daraus entstehenden Folgen und allfälligen Störungen eröffnen sich neue Möglichkeiten.

 

So sehen wir in der Traumapädagogik also z.B. nicht ein manipulatives Kind, das nicht will und uns mit Absicht enttäuscht. Sondern wir sehen einen Menschen, der aufgrund seiner schweren Belastungen alles in seinen Möglichkeiten Stehende tut, um im Leben zurechtzukommen – auch wenn dies im Moment nicht wirklich gut funktioniert. Durch diese neue Sichtweise kommen wir weg von Sprüchen wie «Man kann ein Pferd zum Wasser führen, aber man kann es nicht zum Trinken zwingen» welcher die pädagogische Hilflosigkeit ausdrückt. Stattdessen finden wir Wege, wie Trinken wieder möglich wird.

Meistens entdecken wir bei den Betroffenen dann auch wieder Schönes und Stärken und können darauf aufbauen. So begleiten wir das Kind oder die erwachsene Person auf seinem bzw. ihrem individuellen Weg, wenden neues traumapädagogisches Wissen und passende Methoden an und sind vorbereitet für herausfordernde Momente.

 

Traumapädagogische Ansätze

 

Wesentliche Bestandteile der Traumapädagogik sind z.B. die Beziehungsarbeit, der gute Grund, der sichere Ort, Partizipation, klare und transparente Kommunikation und Selbstkompetenzen wie Achtsamkeit und Empathiefähigkeit. Diese Methoden sind nicht neu; sie bestanden bereits zuvor und werden in der Traumapädagogik ebenfalls genutzt. Die Traumapädagogik lehrt uns nun, wie wir diese mit Geschick und auf der Basis der Psychotraumatologie gewichten und kombinieren. 

 

Die Traumapädagogik baut auch auf Methoden und Ansätzen auf, die aus der Psychotherapie und Traumaforschung abgeleitet und in der Erziehung bzw. Sozialpädagogik noch nicht oder wenig bekannt sind. Dazu gehört insbesondere die Übertragung und Gegenübertragung, Selbstregulierung, Stabilisierung, Psychoedukation oder der Umgang mit Triggern (auslösende Reize), die traumatische Erinnerungen bzw. daraus resultierende Verhalten hervorrufen. Ein wichtiges Arbeitsinstrument ist auch das traumapädagogische Anwendungsmodell TAM.

 

Die Traumapädagogik ist eng verwoben mit anderen Disziplinen wie der Bindungstheorie, Erziehungswissenschaften, Entwicklungspsychologie oder der Resilienzforschung. Auch humanistische Ansätze, wie z.B. die neue Autorität, Biografiearbeit oder Marte Meo passen gut zur Traumapädagogik. Die Traumapädagogik ist aber der Ansatz, der traumatisierten Menschen die grössten Entwicklungschancen ermöglicht – unabhängig davon, ob starke, schwache oder gar keine Anzeichen von Störungen erkennbar sind. 

 

Traumapädagogik als Wundermittel?

 

Nun sind nicht alle Störungen auf Traumatisierungen zurückzuführen und die Traumapädagogik ist keine Wunderpille (nur eine wunderbare Pädagogik). Doch spätestens dann, wenn sich Anzeichen von Traumatisierungen durch die Symptomatik zeigen – z.B. hartnäckige Störungen und Auffälligkeit, bei denen sich trotz grossem Engagement keine Verbesserung zeigt oder die Störungen und Auffälligkeiten sich sogar verstärken – sollte die Traumapädagogik als Herangehensweise in Betracht gezogen werden. Weitere Hinweise auf eine Traumafolgestörung können starke Gefühle der Enttäuschung, Ohnmacht, Angst oder Gleichgültigkeit im Helfersystem sein; auch hier kann die Traumapädagogik wertvolle Impulse liefern. 

 

Angewandte Traumapädagogik

Viele Menschen, die sich mit der Traumapädagogik zu befassen beginnen, fühlen sich schnell beflügelt und motiviert. Viele merken dann aber auch, dass es gar nicht so einfach ist, wenn es um die konkrete Umsetzung geht. Es bleiben bei der Anwendung der Traumapädagogik oft Fragen und Unsicherheiten bestehen. Deshalb gehe ich im Folgenden in einem kurzen Exkurs auf methodische und didaktische Aspekte der Traumapädagogik ein. 


Traumapädagogik ist per se eine angewandte Pädagogik. Und trotzdem liegt gerade in der praktischen Anwendung eine grosse Herausforderung. Trotz vorhandenem Theorieverständnis der Traumapädagogik und der Psychotraumatologie ist oft nicht klar, wie dieses Wissen nun in einer konkreten Situation, z.B. bei einer scheinbar überwältigenden Herausforderung, bei grossen Widerständen oder fehlenden Ressourcen erfolgreich angewendet werden kann. 

Der Stolperstein in der Anwendung ist oft darin zu finden, dass der Fokus in der Praxis zu sehr auf einzelnen Handlungen oder auf dem kognitiven Verstehen liegt und darum die Methodik in ihrer Gesamtheit verloren geht. 

 

Traumapädagogik ist aber auch eine Haltung. Doch eine Haltung lässt sich nicht über blosses Theoriewissen vermitteln. Wir erlangen sie schrittweise, im Verlauf eines persönlichen Lern- und Entwicklungsprozesses. Bis eine Haltung entstanden ist und wir wie von selbst traumapädagogisch handeln braucht es Zeit, Übung und eine Orientierung an erfahrenen Traumapädagog*innen und/oder an der Methodik. 

 

Wie lässt sich ein solcher Entwicklungsprozess anstossen? Ein Ansatz, um den Lernprozess zur Entwicklung einer traumapädagogischen Haltung und zur kompetenten Anwendung zu fördern, besteht in der Förderung und im Erwerb der drei wesentlichen traumapädagogischen Teilkompetenzen: der Wissenskompetenz, der Selbstkompetenz und der Handlungskompetenz (Abbildung 1). Wenn diese Kompetenzgruppen ausreichend vorhanden sind, wird es möglich, die Traumapädagogik in der Praxis vollumfänglich anzuwenden.

Beratung, Weiterbildung und Organisationsentwicklung

Fachberatung und Supervision

 

Für Fachpersonen, die bereits traumapädagogisch tätig sind und/oder Weiterbildungen besucht haben, biete ich traumapädagogische Fachberatung und/oder Supervision an. In der Fachberatung liegt ein Fokus auf der Anwendung der traumapädagogischen Sichtweise und der Vorgehensweise. In der Supervision liegt der Fokus mehr auf der gemeinsamen Reflexion und dem Einbezug von Übertragungen und Gegenübertragungen sowie dem Aktivieren der eigenen Ressourcen.

 

Weiterbildungen und Workshops

 

Die traumapädagogischen Grundlagenmodule sind vom Schweizerischen Institut für Psychotraumatologie SIPT anerkannt und werden an SIPT-Fortbildungen angerechnet. Die Weiterbildungsangebote sind betont praxisorientiert und fördern alle oben beschriebenen Kompetenzbereiche. In den traumapädagogischen Grundlagenmodulen werden die Psychotraumatologie und darauf aufbauend die Grundlagen der Traumapädagogik,  das Traumapädagogische Anwendungsmodell TAM und die Methodik vermittelt. Die Weiterbildung sind betont umsetzungs- und anwendungsorientiert. Die traumapädagogischen Grundlagenmodule können von Einzelpersonen in Onlinemodulen besucht werden oder von Organisationen in der Form interner Weiterbildungstage gebucht werden. Punktuell kann das Modul II auch am SIPT besucht werden (Methodik der Traumapädagogik). Organisationen können zudem traumapädagogische Vertiefungen und Spezialisierungen als interne Weiterbildungen und Workshops buchen.

 

Traumapädagogik in Organisationen: OE

 

Dieses umfassende und nachhaltige Organisationsentwicklungsangebot orientiert sich an den Traumapädagogischen Standards in der stationären Kinder- und Jugendhilfe der BAG Traumapädagogik und an neuen Entwicklungen, Erfahrungen und Erkenntnissen in der Traumapädagogik. Nebst Weiterbildung und Training der Mitarbeitenden werden parallel dazu in einem Entwicklungsprozess Strukturen und Prozesse so gestaltet, dass Traumapädagogik vollumfänglich in der Organisation zum Tragen kommt (Abbildung 2).

Dabei werden nach und nach in einem angemessenen Entwicklungstempo die vielfältigen Aspekte der Traumapädagogik (Abbildung 3) aufgenommen und auf allen Ebenen und Schnittstellen der Organisation berücksichtigt und umgesetzt. Zusätzlich zur pädagogischen Wirkung entstehen dadurch zunehmend positive Effekte wie z.B. ein Rückgang der Belastung bei den Mitarbeitenden und mehr Freude und Kreativität für alle. 

 

Die Gestaltung und das Tempo des Entwicklungsprozesses richten sich nach dem Stand, Bedürfnissen und den Ressourcen der Organisation. Die Massnahmen beinhalten in der Regel Weiterbildung im Rahmen der traumapädagogischen Grundkurse (intern und online), Workshops in denen spezifische Kompetenzen erlernt und gefördert werden sowie Fachberatung und Projektgruppen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*Ein psychisches Trauma ist ein belastendes Ereignis oder eine aussergewöhnliche Bedrohung, das (bei gleichen Gegebenheiten) bei nahezu jedem Menschen eine tiefgreifende Verzweiflung hervorrufen würde und von überwältigender Angst und Hilflosigkeit begleitet ist. Betroffene erleben den totalen Verlust der Kontrolle, des Vertrauens in sich und andere, der Hoffnung und der Geborgenheit. Dabei wird jegliches Gefühl von Sicherheit und Gerechtigkeit erschüttert.

**Der Begriff «Pädagogik» ist etwas einschränkend, denn die auf der Psychotraumatologie beruhende Arbeit mit Menschen ist auch in nicht-pädagogischen und in nicht-beruflichen Settings relevant. Die Traumapädagogik betrifft alle Berufsgruppen und Menschen, die mit traumatisierten Menschen zu tun haben und diese Menschen unterstützen wollen: z.B. im Gesundheitsbereich, in der Sozialarbeit, Justiz, Familienpflege und Ausbildung oder im eigenen Familien- und Freundeskreis.

 
 
 
 

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