Sozialpädagogische, traumapädagogische und parentale Kompetenzen

Sozialpädagogische, traumapädagogische und parentale Kompetenzen

Unabhängig von der Rolle der Bezugsperson ― Sozialpädagog*in, Eltern, Pflegeeltern, Berater*in, Sozialarbeiter*in, Betreuer*in, Lehrperson, etc. ― bauen deren sozialpädagogischen, traumapädagogischen und parentalen Kompetenzen auf drei pädagogischen Teilkompetenzen auf:

  • Wissenskompetenz, 

  • Selbstkompetenz und 

  • Handlungskompetenz

 

Nur wenn Bezugspersonen über jede dieser Kompetenzgruppen in ausreichendem Mass verfügen, wird es möglich, die sozialpädagogischen, traumapädagogischen oder parentalen Kompetenzen in der Praxis vollumfänglich anzuwenden und das Gegenüber (Kind, Klient*in) optimal zu fördern.

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Die sozialpädagogische und parentale Wissenskompetenz beinhaltet z.B. Wissen über die Bedeutung von Bindung, Partizipation, Entwicklung und deren Förderung. 

 

Traumapädagogische Wissenskompetenz umfasst

  • das Verstehen der neurobiologischen und psychischen Prozesse während der Traumatisierung und der Psychotraumatologie (Traumafolgen),

  • das Verstehen der Multikausalität von Psychotraumatologie, Bindung und Entwicklung,

  • die darin begründete Herleitung für die Traumapädagogik und ihrer wesentlichen Komponenten,

  • die Herleitung für die Methodik und die Methoden,

  • das Verstehen eines traumapädagogischen Modells.

 

Die Handlungskompetenz umfasst die gezielte, wirkungsvolle Anwendung von Methoden. Die Handlungskompetenz definiert, welche Methoden unabdingbar sind, welche wann mehr gewichtet werden und wie sie kombiniert werden.

 

In Bezug auf die Traumapädagogik sind es in aller Regel nicht die Methoden allein, die «traumapädagogisch» sind. Erst durch das Verständnis der Psychotraumatologie und durch die Qualität der Beziehungsgestaltung werden sie traumapädagogisch wirksam. Es ist die Methodik – also das in der Psychotraumatologie begründete und planmässige Vorgehen – die die Traumapädagogik ausmacht.

 

Die Selbstkompetenz umfasst die Fähigkeit und Bereitschaft zur

  • Achtsamkeit,

  • Selbstfürsorge,

  • Selbstreflexion,

  • Selbstregulierung,

  • Empathiefähigkeit,

  • Auflösung von hinderlichen Übertragungsphänomen und

  • Auseinandersetzung mit eigenen biografischen Belastungen.

 

Die auf die eigene Person bezogene Umsetzung der Selbstkompetenz greift auf vielfältige Techniken und Fertigkeiten zurück, die sich auch in anderen Anwendungsfeldern bewähren. Im Hinblick auf die Entwicklung der sozial- und traumapädagogischen oder parentalen Kompetenz wird die Selbstkompetenz aber nicht dem Zufall überlassen, sondern gezielt gefördert wird.

 

Ohne ausreichende Selbstkompetenz ist Pädagogik nicht möglich. Die Förderung der eigenen Selbstkompetenz ist somit ein wichtiger Bestandteil des Lernprozesses, um pädagogisch nachhaltig förderlich wirksam zu sein. Erst die Selbstkompetenz versetzt in die Lage, die zur Handlungskompetenz gehörenden Methoden insbesondere auch unter herausfordernden, oftmals die Beziehungsebene strapazierenden Umständen wirkungsvoll anzuwenden. Dies ist umso bedeutungsvoller, als in der sozial- und traumapädagogischen Arbeit ebenso wie in der parentalen Rolle die Beziehungsgestaltung ein zentraler Erfolgsfaktor darstellt. 

 

Ein Beispiel: Möchte eine Bezugsperson das Gegenüber partizipativ in eine Entscheidung mit einbeziehen, so reicht es nicht, das Gegenüber uninteressiert oder genervt zu fragen, «was meinst denn du dazu?». 

Pädagogisch wirksam wird es erst, wenn ich

  • verstehe, weshalb Partizipation überhaupt wichtig ist (Wissenskompetenz),

  • dazu fähig bin, wahrzunehmen, dass ich nicht so interessiert bin oder dass ich genervt bin (Selbstkompetenz), 

  • mir darüber Gedanken mache und mich in der Folge selbst regulieren kann (Selbstkompetenz), 

so dass ich mein Gegenüber mit echtem Interesse (Selbstkompetenz) nach der Meinung fragen kann (Handlungskompetenz).

 

Je stärker das Wissen, die eigene Selbstkompetenz und die methodischen Fertigkeiten wachsen, desto mehr entsteht daraus eine wirksame und fördernde Haltung, die sich in der sozial- und traumapädagogischen oder in der parentalen Rolle, und als Nebeneffekt auch im Privatleben, bereichernd ausdrückt. 

 

Olaf Stähli

2. Februar 2019

Letzte Änderung 13. Januar 2021